Die andere Wiege
Eine der schönsten Begebenheiten im Leben einer Frau – wenn nicht die schönste – ist es, Mutter zu werden. Die Mutterschaft stellte für mich eine grosses Erlebnis dar: die Transzendenz unseres Lebens auf ein neues Lebewesen und die Möglichkeit, einem kleinen Menschenkind Liebe zu geben , dem wir selber das Leben gegeben haben, und das wir in unserem Körper gefühlt und beschützt haben, sogar bevor wir es zum ersten Mal anschauen konnten.
Nun ist es jedoch leider so, dass die körperlichen Spuren, die eine Schwangerschaft mit sich bringt (ein paar Kilo mehr, einige Veränderungen am Körper sowie die gefürchteten Schwangerschaftsstreifen auf dem Bauch) , anstatt ein Indiz darzustellen für diesen wunderbaren Stolz, der uns als Mütter identifiziert, eher ein Motiv sind für viele Komplexe!
Sie werden von der Gesellschaft – wie auch von denselben Müttern – wie etwas wahrgenommen, was man verstecken muss, etwas, was zur Folge hat, dass wir nicht mehr so hübsch sind wie vorher. Manchmal sieht man sich sogar Kommentaren ausgesetzt, als sei man stigmatisiert.
Viele Frauen die ich kenne, haben sich einer kosmetischen Operation unterzogen, um diese Schwangerschaftsstreifen entfernen zu lassen. Ich habe auch manchmal mit diesem Gedanken gespielt. Ich war seit frühester Jugend als Model tätig sowie als Moderatorin im Fernsehen, anschliessend habe ich diese Arbeiten abwechselnd mit meinem Beruf als Journalistin ausgeführt, bis ich mich nach Abschluss der Universität, im Alter von ca 30 Jahren, schliesslich nur noch letzterem widmete.
Seit frühester Kindheit war ich daran gewöhnt, die Schönheit als aufbereitetes Produkt zu sehen mit eben dieser Perfektion, wie sie in dieser Branche üblich ist: mit viel Schminke und vielen Kunstgriffen. Heutzutage kann man sogar Bilder elektronisch nacharbeiten mit diversen Computerprogrammen, und die Menschen lassen ihr Aussehen ohne Anstrengung im nachhinein manipulieren.
Asl ich heiratete, war mein Bauch die “erste Wiege” von Zwillingskindern. Jahre später hatte ich erneut eine Zwillingsgeburt, zwei Mädchen! Mein Bauch war bedeckt von Schwangerschaftsfurchen, als er erneut seine wunderbare Mission erfüllte….. ich mag diese “erste Wiege” meiner vier Kinder. Manchmal streichele ich sie insgeheim mit viel Liebe und erinnere mich daran, was ich empfand, als meine 4 Lieblinge darin heranreiften.
Aber dann empfinde ich wieder riesige Komplexe, vor allem wenn die Menschen mich mit Verwunderung anstarren und mich fragen, warum ich mich denn nicht einer Operation unterziehe. Meine Antwort ist dann fast immer, dass ich halt nicht weiss, ob ich nochmals schwanger werden kann, und in Anbetracht dieser Möglichkeit ziehe ich es vor, ihnen den nötigen Platz bereitzuhalten, damit sie sich in ihrer ersten Wiege wohlfühlen.
Ich gebe aber zu, dass ich nach meiner Scheidung befürchtete, mich von einem anderen Mann angezogen zu fühlen, und dass dieser mich abweisen würde, wenn er die Streifen auf meinem Bauch sähe. Ich hatte damals das Gefühl, dass es schwierig werden würde, erneut jemanden kennenzulernen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es nach wir vor sehr peinlich, meinen Bauch zu zeigen. Wenn unbedachte Menschen am Strand mich mit Widerwillen ansehen oder mir einen Schönheitschirurgen empfehlen, würde ich am liebsten weglaufen und mir einen Badeanzug anziehen oder ein grosses Handtuch überwerfen, damit sie diesen Bauch bedecken, der mir soviel Zufriedenheit gegeben hat.
Es ist widersprüchlich aber wahr: das moderne Leben etabliert Schönheitsparameter, welche fast schon unerreichbar sind, und welche für viele Menschen zur Folge haben, dass sie sich nicht mehr wohl mit sich selbst sowie in Bezug auf andere fühlen. Die Medien wie der internationale Komerz sind für mich die eigentlichen Verantwortlichen für dieses Phänomen, in welchem wir versuchen, äusserlichen Schönheitsidealen zu entprechen, die es zu erreichen immer schwieriger wird. Hier werden Bewertungen gegeben für etwas sehr Oberflächliches, und wenn wir ganz ehrlich sind – einige mehr und andere weniger – verfallen wir alle dieser Oberflächlichkeit, da wir alle uns von diesen niederen Instinkten nicht lösen können und gefallen und gut aussehen wollen.
Auf dieser Tatsache beruht die Modediktatur sowie die ästhetischen Kriterien.
Zu allem Überfluss sind die Menschen sehr unvorsichtig. Sie urteilen über alles und zeigen auf alles mit dem Finger, was was außerhalb der Norm ist.
Während ein Grossteil der Menschen auf diesem Planeten diese äusserlichen Erscheinungsbilder hinter sich lässt und sich um wichtigere Dinge kümmert, verwundert sich ein anderer Grossteil immer noch, wenn er eine Narbe sieht, und empfindet Mitleid oder sogar Ekel beim Betrachten einer Abnormität.
Viele verbringen in der heutigen Gesellschaft mehr Zeit, Geld und Anstrengung damit, ihr äusserliches Erscheinungsbild zu waren, als sich um ihr inneres Glück zu kümmern.
Ich bin nun 40 Jahre alt, habe einen neuen Partner, mit dem ich die Freiheit empfinde, das Leben frei von so vielen Barrieren zu erleben. Ich liebe die Mutterschaft, und ich bin nach wie vor der Meinung, dass mein Bauch dazu geschaffen war, meine Zwillinge in sich wachsen zu lassen.
Natürlich gefällt es mir auch sehr, attraktiv zu sein, obwohl ich nicht mehr so viel Zeit darauf verwende. Ich schminke mich nicht jeden Tag, ich fühle mich befreit von so vielen äusserlichen Zwängen wie Diäten, und geniesse ein Eis mit doppeletem Schokoladenüberguss genauso wie einen Salat mit nur 100 Kalorien.
Jetzt, wo ich meine ersten Falten spüre, wo ich auf meine ersten grauen Strähnen warte, ist die Zeit, in der ich am meisten das Leben geniesse, und wo es mir auch gelingt, anderen schöne Momente zu schenken.





