Ich habe ein Muttermal auf dem linken Auge, einem Teil der Nase und der linken Seite der Stirn. Die Farbe ist burgund. Ich habe es ebenfalls auf der Kopfhaut, wo es allerdings nicht sichtbar ist, weil es von meinem Haar bedeckt wird. Der wissenschaftliche Begriff, der hierfür verwendet wird, ist ” Angioma”.
Nach meinen Erkenntnissen treten die Angiome zufällig auf, es kann jede oder jeden treffen, es ist anscheinend nicht nur veerbbar. In meinem Fall gibt es jedoch einen Onkel mit diesem Merkmal.
Ebensowenig kann der Grund hierfür die Tatsache sein, dass die schwangere Mutter “die Mondfinsternis sah”, nicht dem Bedürfniss nachgegeben hat, während der Schwangerschaft genug zu essen oder sonstige Gründe und Erkärungen, die der hiesige Volksmund hierfür bereit hält.
In der ersten Lebensetappe, von meiner Kindheit an bis zu meinem 36. Lebensjahr, bin ich immer davon ausgegangen, dass mich dieses Problem nicht weiter tangiert, aber dann musste ich schliesslich erkennen und mich der Auseinandersetzung stellen, dass es mich sehr wohl stark beeinflusste. Ich musste mir eingestehen, dass dieses jahrelange Weglaufen vor mir selbst mir viele Schmerzen bereitet hat.
Obwohl meine Familie und ich immer der Ansicht waren, dass mein “Angioma” etwas normales ist und auch weiter keine Auswirkungen für mein Leben hat, war es in Wirklichkeit der stille Feind, der sowohl mein Selbstvertauen, meine berufliche Entwicklung, als auch meine Entfaltung in zwischenmenschlichen Beziehungen und als Frau geschwächt hat.
Beruflich war ich ebensfalls stark beeinträchtigt, da ich anfangs meine wahre Berufung nicht erkannte. Ich arbeitete als Buchhalterin, musste mir aber später eingestehen, dass meine wahre Leidenschaft das Schauspielern ist. Wie ich diese dann erlernte, war es wunderbar, weil ich endlich etwas tat, was mich ausfüllte, obwohl ich auch hier eingeschränkt war. Als Schauspielerin erst im fortgeschrittenen Alter zu beginnen, mindert natürlich die Chancen auf wichtige Rollen. Es schränkt auch die gute Entwicklung auf diesem Gebiet ein, da die Einarbeitungs- und Ausbildungzeit erheblich reduziert wird.
In der Liebe war es immer sehr schwierig für mich, auf jemanden zuzugehen, da ich in mir eine unsichtbare Barriere hatte, die die Kommunikation mit dem anderen Geschlecht behinderte. Durch die Besonderheit eines Angioms im Gesicht bin ich sehr unsicher, habe Angst und bin immer auf der Hut. Daher hatte ich erst mit 18 Jahren den ersten Freund danach hatte ich auch nur wenige Beziehungen.
Mein größtes Trauma war, als ich eines Abends einen Mann in einem Nachtclub kennenlernte. Ich hatte mich schick gemacht, war hübsch, hatte mich geschminkt, fühlte mich sehr wohl in meiner Haut, und auch mental hatte ich mich darauf vorbereitet, jemanden kennenzulernen. Als dieses dann eintrat, und nach dem Kennenlernen eine Verabredung für den nächsten Tag getroffen wurde, war ich erneut meinem inneren Konflikt ausgestetzt: ¨ Morgen wird er mich nicht mögen und enttäuscht sein. » Wenn das Muttermal sichtbar werden würde, fühlte ich mich gleich nicht attraktiv.
Es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass bei meinen vielen gemischten Gefühlen die Ergebnisse meiner Verabredungen nicht positiv sein konnten. Dies hat sich des öfteren wiederholt und ehrlicherweise muss ich gestehen, dass meine Erlebnisse bis vor nicht allzu langer Zeit nicht von Erfolg gekrönt waren.
Dieser Albtraum hat natürlich mein Selbstbewusstsein in erheblichem Maße gestört. Ich fühlte mich nur schön, wenn ich geschminkt war. All dies hat mein sehr geringes Selbstwertgefühl, meine Unsicherheit, meinen Mangel an Respekt und eigener Wertschätzung zur Folge.
Meinen größten Wunsch, Mutter zu werden, habe ich über viele Jahre unterdrückt. Lange Zeit befand ich mich in gynäkologischer Behandlung und aus medizinischer Sicht stand einer Schwangerschaft gesundheitlich nichts im Wege. So glaube ich, dass ich im Unterbewusstsein einfach keine Kinder wollte, um diese Krankheit eventuel nicht weiter zu vererben und das Kind vor den von mir durchlebten seelischen Konflikten zu bewahren.
Die Gesellschaft neigt dazu, sehr aufdringlich, neugierig und manchmal grausam zu sein, und Kinder sind ironischerweise die grausamsten und direktesten. Ohne es zu wollen, können sie großen Schaden anrichten mit ihren Kommentaren und Haltungen. Ich erinnere mich mit Traurigkeit und Schmerz an einige wenige Bemerkungen meiner Mitschüler in der Primar-und Sekundarstufe. Auch an die Reaktion eines Kindes, welchem ich Angst verursachte.
Das unangenehmste ist die Anzahl der Kommentare, die man pro Tag zu hören bekommt, wie zumBeispiel: Was ist passiert? Bist Du geschlagen worden oder bist du hingefallen? Hat Deine Mutter, wärend sie schwanger mit dir war, “den Vollmond gesehen?” oder ähnliches. Und dazu die immer wieder sich wiederholende Bemerkung meiner Eltern: Das ist ihr Markenzeichen. Bis dann der Tag kam, an dem ich explodierte und empört fragte: «Wie soll dies denn bloss mein Markenzeichen sein? ¨
Meine Familie betrachtete das “Angioma” immer als etwas normales und hat mich entsprechend behandelt, immer auf der Suche nach etwas Positivem (wie eben meinen “Markenzeichen”).
Diese Haltung bedeutete, dass ich zwei Seiten einer Medaille erlebte: so wie es meine Familie betrachtete und sah, und so wie es die restliche Bevölkerung empfand. Dies war sehr hart und richtete eine Menge Schaden in meinem Leben an. Ich denke, dass ich als Kind dadurch sehr verwirrt war und mich für die Haltung meiner Familie entschieden habe. Doch fühlte ich mich dadurch betrogen, war dies doch nur eine Verkleidung, eine Maske und eine falsche Haltung, welche nicht der Realität entsprach.
In der Pubertät trat ich meinem “Angioma” insofern entegegen, indem ich seine Existenz einfach leugnete. Ich versteckte es so gut wie nie oder benutzte nie Make-up. Es war eine Rebellion gegen die anderen. Dann erkannte ich, dass ich mein Muttermal nicht mochte und begann, es immer wieder zu verstecken und zu überschminken.
Ich glaube, dass mich ziemlich viele Menschen ohne die notwendige “Natürlichkeit” ansehen bzw betrachten. Es scheint wahr zu sein, dass wir immer mehr dem Negantiven Gewicht geben, als dem Positiven. Einen Psychiater aufzusuchen und in einer Gruppe zu arbeiten, hat mir sehr geholfen.
Nachdem ich selbst eine Veränderung und Verbesserung meiner inneren Haltung herbeiführen konnte, habe ich es auch geschafft, meine Einstellung zu dem Muttermal zu ändern. All diese Aspekte veränderten sowohl meine Selbstachtung als auch mein Selbstvertrauen. Seither verbesserte sich meine Beziehungsfähigkeit. Entgegen der landläufigen Meinung führt die Tatsache, dass man seinen Gefühlen mehr Ausdruck gibt, dazu, besser geachtet zu werden und größere Wertschätzung sowie Bewunderung zu erfahren. Nicht jeder ist dazu fähig. Es braucht Mut und Tapferkeit und hat einige Vorteile, wie z. B. anderen zu helfen, ihre Situation zu verbessern, – die Förderung der Menschen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sich zu entlasten und zu verstehen, dass es fast immer noch jemanden im Leben gibt, der noch mehr benachteiligt ist als man selbst.
Ich freue mich den Mut zu haben, eine neue Entscheidung getroffen zu haben, den Traum einer jeden Frau Mutter zu werden –auch wenn dies mittlerweile ein erhötes Risiko darstellt – nicht wegen meines Muttermals, sondern wegen meines jetzigen Alters.
Auch medizinische Hilfe habe ich gesucht, und nach einer schlechten Erfahrung habe ich nun die richtige Lösung gefunden. Momentan ist mein Muttermal nicht sehr auffällig.
Ich appelliere an die Menschen, mit ihren Äußerungen nicht so leichtfertig zu sein, wenn sie auf jemanden mit einer körperlichen Behinderung treffen.
Ich bitte Sie inständig, lieber nichts zu sagen, als einen Kommentar, einen Blick oder eine negative Reaktion zu äussern. Wenn wir einfach mal still wären, wären wir schöner, subtiler und sanfter, und vielleicht würden wir weniger Menschen verletzen und unglücklich machen.
Es ist vor allem wichtig, den Gedankenaustausch zu suchen und zu pflegen. Daraus erwächst schließlich die Erkenntnis dass niemand vollkommen ist. Damit wäre schon viel Positives durch Hilfsangebote erreicht, anstatt primitive Neugierde zu stillen.
All denen, die unter körperlichen Besonderheiten leiden, rate ich, sich offen und ehrlich ihrer Situation zu stellen .Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das alle diejenigen, die sich ihren Schwächen stellen, dadurch nicht anfälliger , sondern zu bewundernswerten Persönlichkeiten werden. Darüber hinaus empfehle ich all denen, die ein anderes Erscheinungsbild haben, das nicht der Idealvorstellung entspricht, auf spirituellle Art und Weise damit umzugehen, um zu realisieren, dass alle Menschen eine Einheit aus Seele, Körper, Gefühlen und Energie bilden.





